Wahrheit um jeden Preis

Vor einem Jahr veranstalteten wir eine Tagung zum Thema: „Wahrheit und Liebe – ein seltenes Paar?“ für Fachkräfte im Gesundheitswesen. Sehr spannende Vorträge und Workshops standen auf dem Programm und man spürte, dass es ein brennendes Thema sowohl für Ärzte als auch für Psychotherapeuten, Lebensberater ebenso wie für Pflegefachkräfte war. Einer der Workshops hatte den Titel: „Kinder sind der Wahrheit würdig“. Dabei ging es um die Begleitung von Kindern, die durch Scheidung oder Todesfall Eltern verloren haben. Wir lernten einfache und kreative Ansätze kennen, wie man auch Kinder an der Wahrheit teilhaben lassen kann und sie im Trauerprozess stützen und begleiten kann.

Aber sind nur Kinder der Wahrheit würdig? Hat nicht jeder Mensch und jeder Patient ein Recht darauf, die ganze Wahrheit zu erfahren? Gibt es Fälle, wo man die Wahrheit nicht zumuten kann oder soll? In einer Podiumsdiskussion wurden Grenzfälle vorgestellt, wo Menschen etwa die Wahrheit nicht akzeptieren konnten oder wollten oder manche die Wahrheit nicht sagen konnten/wollten, um einen lieben Menschen nicht zusätzlich zu verletzen.

„Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“ Wie geht das?

Da stellt sich auch die Frage: Was ist Wahrheit überhaupt? Ist sie nicht immer subjektiv gefärbt und je nach meiner oder deiner Wahrnehmung so oder so? Zwei Eheleute erzählen dieselbe Begebenheit oft grundverschieden und beharren beide darauf, im Recht zu sein.

In der Medizin geht es bei Wahrheit vor allem um Aufklärung der Patienten über eine Erkrankung, eine bevorstehende Operation und mögliche Komplikationen. Heutzutage müssen Ärzte im wahrsten Sinn des Wortes den Teufel an die Wand malen, indem sie alle möglichen negativen Folgen einer Behandlung, alle erdenklichen Nebenwirkungen eines Medikaments, alle Risiken einer Krankheit explizit dem Patienten darstellen, weil sie sich vor einer Klage fürchten müssen. Das wirkt sich dann so aus, dass eine Menge zusätzlicher Untersuchungen angeordnet wird, obwohl der gesunde Menschenverstand sagt, dass es keinen Grund dafür gibt. Eine Spirale der Angst wird bei Patient und Arzt angeworfen, die eine aufwändige teure Form der Absicherungsmedizin nach sich zieht und Menschen verunsichert anstatt stärkt.

Da die Medizin niemals 100%ig ist, kann der Arzt naturgemäß nie etwas mit letzter Sicherheit behaupten, sondern sich nur auf seine Erfahrung berufen: Häufige Dinge sind häufig und seltene Dinge sind selten….

Darf ich nun als Hausärztin meine Patienten beruhigen und ihnen versichern, dass dies eine harmlose Erkrankung ist, die sich rasch von selbst wieder bessern wird? Oder muss ich jedem die maximale Wahrheit, die ich in meinem Kopf mitüberlege, ausbreiten? Wie ist es mit älteren, gebrechlichen Personen, die vielleicht intuitiv spüren, dass sie schwer krank sind, aber nicht darüber sprechen möchten? Ich habe auch schon Situationen erlebt, wo der Verlauf dann ganz anders war als medizinisch zu erwarten. Wem hätte dann meine „Wahrheit“ genützt?

Oder wenn ich überzeugt bin, ein Medikament ist für meinen Patienten hilfreich, ich aber rechnen muss, dass er es nicht einnehmen wird, wenn ich ihm sämtliche Nebenwirkungen aufzähle? Oder die Angehörigen bitten mich um Hilfe, weil ein Patient unerträgliche oder aggressive  Verhaltensweisen in seiner Familie zeigt und dazu vollkommen uneinsichtig ist? Darf ich ihm etwas verschreiben, das ihm und der ganzen Familie das weitere Zusammenleben ermöglicht, ohne dass ich ihm detailliert erklärt habe, wie und was hier wirkt?

Im Alltag ist kein Mensch wie der andere und keine Situation wie die andere. In der hausärztlichen Praxis kommen wir sehr oft an Grenzen und Herausforderungen, die wir sorgfältig prüfen müssen und Schritt für Schritt lösen müssen. 

Jemand hat mir einmal gesagt: Wahrheit ist keine tote, absolute Angelegenheit, die im Denken allein erkannt werden kann. Was in einer Situation wahr und wahrhaftig gut ist, kann in einer anderen genau das Falsche sein. Die Wahrheit ist eine lebendige Person: Jesus Christus. Er hat von sich behauptet: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Und wer zu mir(Jesus) kommt, der wird die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird ihn freimachen. Ich habe das ausprobiert und in meinem Leben sehr gute Erfahrung damit gemacht. Ich habe mich an ihn gehalten und mich der Wahrheit verpflichtet. Ich bemühe mich Tag für Tag, wahrhaftig und ehrlich zu sein, so gut es mir als begrenztem Menschen möglich ist. Und so gut wie immer gibt es gute Lösungen, auch in den unangenehmsten und verkorksten Situationen, auch bei Fehlern oder Notlagen, wenn man versucht, die Wahrheit in Liebe zu sagen.

Es bedeutet vielleicht manchmal, nicht alles schonungslos meinem Gegenüber hinzuknallen, oder auch mal zu schweigen, oder zuzugeben, dass ich nicht weiter weiß, oder eine Nacht darüber zu schlafen, um einen guten Weg zu suchen. Es bedeutet manchmal, Geduld zu üben und Vorwürfe oder negative Reaktionen auszuhalten. Aber im Endeffekt wenden sich auch prekäre Situationen oft zum Besseren, wenn die Wahrheit die Oberhand behält. Menschen sind dankbar für Offenheit und Ehrlichkeit, sie sind froh, wenn sie vertrauen und sich verlassen können.

Ich habe herausgefunden, dass alle Menschen der Wahrheit würdig sind, wenn es auch eine einfache, an ihre Umstände angepasste Form ist. Auch im Angesicht des Todes habe ich erlebt, wie Betroffene selbst ganz genau wussten, wie es um sie stand, auch wenn die Umgebung es nicht wahrhaben wollte. Und gerade da war es die Wahrheit, die alle befreit hat, sobald sie an den Tag getreten ist. Was ans Licht kommt, wird Licht – das gilt auch für die befreiende Wahrheit, selbst wenn sie schmerzlich ist.

Menschen sind der Wahrheit würdig – mit Bedacht und Liebe geäußert, dann ist es den Preis wert.

Die ganze Wahrheit - ein indisches Märchen

Ein indischer Fürst rief einmal alle  Blindgeborenen des Landes zusammen, um ihnen einen Elefanten zu zeigen. Da versammelten sich nun die Menschen, die noch nie in ihrem Leben etwas hatten sehen können, und betasteten das große Tier, ein jeder dort, wo er gerade stand. Dann ging der Fürst zu den Blinden hin und fragte sie: „Habt ihr erkannt, was ein Elefant ist?“ „Ja“, erwiderten alle. Und als er weiter fragte: „Wie ist denn der Elefant?“, da sagte einer, der das große Ohr betastet hatte: „Der Elefant ist wie eine Schaufel.“

„Nein, der Elefant ist wie eine Schlange“, meinte ein anderer, der den Rüssel in der Hand hielt. „Wie ein Baum ist der Elefant!“  sagte der nächste, der mit beiden Händen ein Bein des Tieres umfasste. „Wie ein Besen ist er“ sagte der, der das Schwanzende zwischen den Fingern hatte.

Und sie gerieten in einen heftigen Streit über den Elefanten. Jeder wollte Recht haben, und jeder traute nur seinen eigenen Erfahrungen. Aber sie vermochten nicht, das Ganze zusammenzubringen und zu erkennen, wie ein Elefant in Wahrheit von Gestalt und Aussehen ist.

Unser Streben nach Wahrheit

Unser Verlangen nach Wahrheit ist natürlich und wir setzen es voraus, auch wenn wir selber Probleme damit haben. Nicht so sehr unseren Mitmenschen gegenüber sondern gegenüber uns selbst. Wir sollten mal darauf achten, wie oft wir uns etwas schön reden, nur damit wir uns die Wahrheit nicht anschauen müssen. Es ist einfacher zu sagen, das wird schon wieder, oder nicht so schlimm, als hinzuschauen und etwas zu verändern. Oder ein bisschen zu schwindeln, als mit der Tür ins Haus zu fallen und man will ja auch niemanden kränken. In Wahrheit möchte man einfach selber gut dastehen.  

In einem Kurs bekamen wir mal als Hausaufgabe einen Tag lang die Wahrheit zu sagen, ganz bewusst, einen Wahrheitstag. Das ist gar nicht so einfach.  

Ich habe mich mit einer anderen Kursteilnehmerin zum Kaffee getroffen, und die hatte genau an diesem Tag ihren Wahrheitstag, was ich natürlich nicht wusste. Es entwickelte sich ein so spannendes und  ehrliches Gespräch, dass wir beide weinen mussten und es war ein wunderbares tiefes Erlebnis.  Erst beim nächsten Kurs, als wir unsere Erfahrungen mit unserem Wahrheitstag austauschten, erfuhr ich, dass es ihr Tag war, an dem  wir uns trafen.  Dadurch ist mir vieles klar geworden. Sie hat mir einfach vertraut und damit sich selber.

Wir denken immer darüber nach, ob der andere die Wahrheit überhaupt ertragen kann, oder ob wir jemanden damit belasten oder kränken. Dabei sollte man sich einfach darauf einlassen und man bekommt genau die Reaktion, die in dem Moment richtig ist.

Wer sich selber nicht vertraut und die Wahrheit scheut, traut es auch dem anderen nicht zu.

In den Momenten, in denen es uns gelingt,  zu sein, was wir sind, ohne zu fragen, was wir sein sollten, funkelt unser Lebenslicht wie ein heller Stern.

Maria Luise Spitzenstätter