Lüge oder Wahrheit

„Notlügen sind keine Lügen, weil man ja niemandem dabei schadet.“

„Warum soll ich jemanden, dem es ohnehin schon schlecht geht, mit der Wahrheit konfrontieren, die ihn dann noch mehr treffen und verletzen wird.“

„Eine schmerzliche Wahrheit ist besser als jede Lüge“ (Thomas Mann)

Wie oft lügt der Mensch? 200 Mal pro Tag? Das ist jedenfalls die Zahl, die im Internet am häufigsten genannt wird und auch in Medien, Vorträgen und sogar Diplomarbeiten auftaucht. Seriöse Studien kommen demgegenüber auf weitaus geringere Quoten.

In Situationen, in denen wir jemandem gefallen oder ihn beeindrucken wollen, fällt uns das Schwindeln offenbar leicht. Und: es gibt weniger die typische Lügnerpersönlichkeit als das typische Lügnerumfeld. Wer etwa unter Leistungsdruck steht und sich rechtfertigen muss, wird eher schwindeln und betrügen als jemand, der mit breiter Brust in der Welt steht und niemandem mehr etwas beweisen muss. Verabschieden sollte man sich allerdings von der Vorstellung, dass es sich bei Lügnern durchweg um schlechtere Menschen handelt, die aus rationalem Kalkül heraus handeln. Denn Menschen lügen, wie man an der Universität Amsterdam ermittelte, eher instinktiv als reflektiert.

Offenheit und Ehrlichkeit sind Grundlagen für ein Zusammenleben. Ehrlichkeit erfordert Einfühlungsvermögen und Feinfühligkeit. Dazu braucht man eine Basis, die auf Freundschaft und/oder großen Respekt beruht.

Ehrlichkeit verlangt aber nicht, taktlos und undiplomatisch zu sein, sondern
man soll die Wahrheit jemandem wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann und nicht wie ein nasses Tuch um den Kopf schlagen.
( Max Frisch)

Welchen Weg man nun einschlägt, wo man die Grenze zwischen Wahrheit –Lüge – Notlüge - Aufrichtigkeit – Ehrlichkeit – zieht, bleibt jedem selbst überlassen und jeder wird diese Eigenschaften für sich ein wenig anders definieren.

Als ich unlängst eine wunderschöne aber auch anstrengende Wanderung unternommen habe und mich dann müde aber glücklich am Gipfel aufgerichtet habe, sind mir einige Wortspiele in den Sinn gekommen:

  • im Wort Aufrichtigkeit steckt auch aufrichten, was zur Folge hat, dass man gerade und fest verankert da steht.
  • hinter der Wahrheit steckt auch das Bedürfnis nach Bewahren – wir sehnen uns nach etwas Stabilen.

Deine Einstellung bestimmt deine Wahrnehmung.
Deine Wahrnehmung bestimmt deine Realität.

Elisabeth Günther