Unser Streben nach Wahrheit

Unser Verlangen nach Wahrheit ist natürlich und wir setzen es voraus, auch wenn wir selber Probleme damit haben. Nicht so sehr unseren Mitmenschen gegenüber sondern gegenüber uns selbst. Wir sollten mal darauf achten, wie oft wir uns etwas schön reden, nur damit wir uns die Wahrheit nicht anschauen müssen. Es ist einfacher zu sagen, das wird schon wieder, oder nicht so schlimm, als hinzuschauen und etwas zu verändern. Oder ein bisschen zu schwindeln, als mit der Tür ins Haus zu fallen und man will ja auch niemanden kränken. In Wahrheit möchte man einfach selber gut dastehen.  

In einem Kurs bekamen wir mal als Hausaufgabe einen Tag lang die Wahrheit zu sagen, ganz bewusst, einen Wahrheitstag. Das ist gar nicht so einfach.  

Ich habe mich mit einer anderen Kursteilnehmerin zum Kaffee getroffen, und die hatte genau an diesem Tag ihren Wahrheitstag, was ich natürlich nicht wusste. Es entwickelte sich ein so spannendes und  ehrliches Gespräch, dass wir beide weinen mussten und es war ein wunderbares tiefes Erlebnis.  Erst beim nächsten Kurs, als wir unsere Erfahrungen mit unserem Wahrheitstag austauschten, erfuhr ich, dass es ihr Tag war, an dem  wir uns trafen.  Dadurch ist mir vieles klar geworden. Sie hat mir einfach vertraut und damit sich selber.

Wir denken immer darüber nach, ob der andere die Wahrheit überhaupt ertragen kann, oder ob wir jemanden damit belasten oder kränken. Dabei sollte man sich einfach darauf einlassen und man bekommt genau die Reaktion, die in dem Moment richtig ist.

Wer sich selber nicht vertraut und die Wahrheit scheut, traut es auch dem anderen nicht zu.

In den Momenten, in denen es uns gelingt,  zu sein, was wir sind, ohne zu fragen, was wir sein sollten, funkelt unser Lebenslicht wie ein heller Stern.

Maria Luise Spitzenstätter