Themenschwerpunkt: TRADITONELLE EUROPÄISCHE MEDIZIN

In der traditionellen europäischen Medizin versucht man auf altes Wissen der Gelehrten der Antike, der Klöster und späteren Wissenschaftler wie Paracelsus, das teilweise in Vergessenheit geraten ist und in diesen Tagen wieder an Bedeutung gewinnt, zurück zu greifen. Sie baut auf das Zusammenwirken von Körper, Geist und Seele auf, bei der die Säulen der Behandlung die Pflanzenheilkunde, Reiztherapien, Bewegung, manuelle Anwendungen wie Schröpfen, ausgewogene Ernährung und das seelische Gleichgewicht sind.

Im ersten Jahrhundert  nach Christus begründete der römische Arzt Galen die Säftelehre. Das Ungleichgewicht der vier Körpersäfte wie Blut, Schleim, gelbe oder schwarze Galle führte nach seiner Auffassung zu Krankheiten.

Die Wirkung der Säfte wird verschiedenen Temperamenten wie dem Sanguiniker, der durch das Blut mit den Grundqualitäten feucht und warm beherrscht wird, zugeschrieben. Im Phlegmatiker wirken der feuchte und kalte Schleim für seine seelische Besonderheit, beim Melancholiker kommt der Einfluss der trockenen und schwarzen Galle zum Tragen, der Choleriker wird  durch trockene und warme gelbe Galle beeinflusst.

Durch Trink- oder Schwitzkuren versuchte man ein Gleichgewicht dieser Körpersäfte wieder her zu stellen, um eine Gesundung des Menschen herbei zu führen.

Vor allem in Klöstern wurde die Wirkung der Heilpflanzen, die die Informationen tragen,  den Körper ganzheitlich zu heilen, erprobt, weiter entwickelt und aufgeschrieben.  Durch innere und äußere Anwendungen wird mittels der Wirkung der Pflanzen (Phytotherapie) versucht, dem Menschen Linderung seiner Leiden zu schaffen.

Beinahe alle Ordensniederlassungen pflegten  und züchteten in ihren Gärten Heilkräuter, man könnte sagen, sie sind die Vorläufer der  heutigen pharmazeutischen Industrie.

Wohl die bekannteste Vertreterin der Klostermedizin, die in unseren Tagen eine Renaissance erlebt,  ist Hildegard von Bingen, die sich um eine ganzheitliche Behandlung von Leib und Seele bemühte. In ihren naturheilkundlichen Werken hat die visionäre Frau  ihrer Nachwelt viel Wissen, das heute noch zur Anwendung kommt, wie etwa der Aderlass, die Lithotherapie, die Behandlung mit Heilsteinen (z.B. Bergkristall, Achat, Amethyst und viele mehr), und die Wirkung verschiedenster Pflanzen, hinterlassen. Auf ihr Leben und Wirken wird in einem anderen Beitrag noch näher eingegangen.

Ein weiterer wichtiger Vertreter, dessen Wissen und Erkenntnisse nicht an Aktualität eingebüßt haben, ist Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897).

Für Pfarrer Kneipp waren die fünf Elemente wie Wasser, Ernährung, Bewegung, Heilpflanzen und Lebensführung die Grundlage für seine Behandlungen.

"Das Wasser hat große Wirkungen, gewiss, es leistet mitunter Unglaubliches, aber wenn der Mensch nicht will, dann ist alles aus, gegen Dummheit kämpfen Götter und Wasserströme vergebens."  (Sebastian Kneipp)

Die Güsse erreichen durch einen fast drucklosen Wasserstrahl (wie durch eine einfache Gießkanne) eine nachhaltige und große Wirkung. Die Hydrotherapie wird genau auf die Bedürfnisse der Person temperaturmäßig abgestimmt und kann auf einzelne Körperregionen begrenzt sein. Die Haut wird nicht abgetrocknet, sondern das Wasser wird mit den Händen abgestreift, anschließend zieht man sich rasch an und durch flottes Gehen wird die Durchblutung angeregt.

Es gibt den Vollguss, Schenkelguss, Knieguss, Armguss, Gesichtsguss, Nackenguss,  Rückenguss und den Brustguss. Patienten mit Herz und Lungenerkrankung sollten sich vor der Anwendung der Kneippgüsse vom behandelnden Arzt beraten lassen. Gegen Verspannungen im Rücken wirken aufsteigende Güsse und Güsse in den entsprechenden Körperbereichen. Kalte Güsse wirken günstig auf die Durchblutung, manche Personen  verwenden sie zur Abhärtung. Blitzgüsse wirken stoffwechselanregend. Auf das Nervensystem und das Hormonsystem sowie auf die Psyche wirken die Wasseranwendungen harmonisierend und heilend.

Wer nicht die Möglichkeit für Gussanwendungen hat, kann ersatzweise Tautreten, Wassertreten oder Schneegehen.

In einer ausgewogenen Ernährung erkannte Pfarrer Kneipp eine Möglichkeit, viele Krankheiten zu vermeiden bzw. deren Verlauf günstig zu beeinflussen.

Mit der Phytotherapie nutzte er die Wirkung der Heilpflanzen für innerliche und äußerliche Anwendungen.

Kneipp meint mit der Ordnungstherapie eine bewusste Lebensführung zur Erhaltung der Gesundheit.

In zahlreichen Kuranstalten im In – und Ausland kommen heute noch seine Erfahrungen hilfreich für Patienten zur Anwendung.