Begegnungen

Seit nunmehr über 30 Jahren unternehme ich den bedeutendsten Teil meiner zahlreichen Reisen zu Fuß. Was ich dabei suche, ist die Begegnung mit dem Anderen, dem neuen, dem Fremden. Die jährliche Massenflucht an die sonnensicheren Badestrände, der durchprogrammierte  All-inclusive-Urlaub im Ferienclub, selbst der Besichtigungstourismus unserer Großstädte hat mit diesem ursprünglichen Sinn des Reisens, der Begegnung, doch ziemlich wenig zu tun Diese Formen des Reisens sind eher Beutezüge: man holt sich etwas vom Gastland: Sonne und Wärme, Abwechslung und Spaß, neue Eindrücke – ohne persönliche Gegengabe, vom dort gelassenen Geld einmal abgesehen. Wirkliche Begegnung aber ist immer ein wechselseitiges Geschehen, ein Geben und Empfangen auf Augenhöhe.

Das erlebt der Fußreisende wie kein Anderer im Wortsinn auf Schritt und Tritt. Der motorisierte Reisende begegnet dem Land bestenfalls an den Endpunkten seiner Fahrten – vom Fliegen gar nicht zu sprechen: das ist überhaupt kein Reisen im eigentlichen Sinn mehr, sondern eher ein Wechsel von Standorten. Nur der Wanderer ist langsam genug, um unterwegs zu grüßen und gegrüßt zu werden.

Und damit fängt jede Begegnung an.

Aus dem Buch:
Boden unter den Füßen
von Markus Schlagnitweit