Ein Traum

Es war nur ein Traum, doch es war eine Pracht!
Ich glaubte in mondscheinsilberner Nacht
auf schwellendem Rasen zu liegen.
Ein glänzendes Schloss erhob sich kühn,
und ich sah aus dem Fenster efeugrün
ein Märchenkind lauschend sich biegen.
Ein Mädchengesicht, so lieb, so traut,
wie ich es nimmer zuvor geschaut.
Gleich flüssigem Golde erglänzet ihr Haar,
und ich las in dem Augenpaar
ein wehmütig banges Erwarten.
Ein leiser Wind erquickt die Luft
und trug einen süßen, berauschenden Duft
vom Holunderbusch durch den Garten.
Dort saß an des Springbrunns Sprudelquell
geigende in müder Wandergesell.
Und als dann – und das war so schön wie ein Traum –
eine Nachtigall hoch im Lindenbaum
mit einstimmte in seine Lieder
und schluchzend sang, wie von Schmerz und Lust,
da war es, als fiele auf meine Brust
das Glück wie ein Morgentau nieder.
Die alten Linden seufzten im Wind.
Im Schloss weinte das Märchenkind.

Joachim Ringelnatz

Was sind Träume?

Träume sind Erscheinungen des Unbewussten, die dem Bewusstsein zugänglich werden können. Nähern wir uns den Traumbildern, dann nähern wir uns unserer unbewussten inneren Welt, seelischen Energien und Kräften, die stärker sind als die des Bewusstseins.

Jede menschliche Seele hat die Tendenz, das, was in ihr vorgeht in Bilder zu übersetzen, so dass aus inneren Gedanken, Ahnungen und Gefühlen bildhafte Gestalten und Geschichten werden. Daher sind die inneren Bilder die Brücke zwischen der unbewussten und der bewussten Welt. Das bedeutet, dass die viel ersehnte Ganzheit des Menschen Wirklichkeit zu werden beginnt, wenn er diese Bilder zu verstehen und sich mit ihnen auseinander zu setzen beginnt.

Die Bilder, die wir in Träumen sehen, lassen sich in zwei Gruppen einordnen.

  • Die erste Gruppe beinhaltet Erinnerungen an das gelebte Leben, die „negativen“ ebenso wie die „positiven“. Manche dieser Bilder sind reale Erinnerungen, andere wiederum spiegeln in Symbolen Aspekte vergangenen Lebens wider, die ins „persönliche Unbewusste“(C.G.Jung) hinab gesunken sind.
  • Zur zweiten Gruppe gehört eine Fülle überpersönlicher Bilder, die „Urbilder“ der Seele, die zum Allgemeingut der Menschheit gehören. Diese dem „kollektiven Unbewussten“ angehörenden „archetypischen“ Bilder( C.G Jung) sind ebenso „negativer“ wie „positiver“ Art. Dazu gehören z.B. feuerspeiende Drachen, Kraken und Spinnen einerseits und das tragende Meer, die Sonne, der oder die „alte Weise“ andererseits.

Aus: "Die Sprache der Träume" von Uwe Böschmeyer

Woher kommen die Träume?

Träume sind Ur-Phänomene, sind Erscheinungsformen des Lebens, die ebenso wenig erklärt werden können wie alle geistigen Phänomene, z. B. Liebe, die Freiheit, die Hoffnung. Sie sind Gegebenheiten des Lebens, die sich den Erklärungswünschen der Menschen letztlich entziehen. So wird jedenfalls der argumentieren, der den Menschen nicht eindimensional, z. B. als Einheit von Leib, Seele und Geist, versteht. Wer wissen will, woher die Träume kommen, der stelle sich ans Meer: und wenn er dann die wenigen Wellen sieht, die sein Blick vom großen Meer erhaschen kann, wird aufhören, nach der Heimat der Träume zu fragen.

Wovon die Traumbilder handeln

  • Sie erinnern an vergangenes, sinnvolles Leben.
  • Sie erinnern an vergangenes, aber unerledigtes Leben, an nicht überwundene Verletzungen ebenso wie an ungelebte Möglichkeiten.
  • Sie erhellen nicht nur Vergangenes, sonder werfen auch Lichter auf Kommendes.
  • Sie zeigen die inneren Widerstände, die die Entwicklung eines sinnvollen Lebens stören.
  • Sie zeigen die Möglichkeiten des Geistes, die noch nicht bewusst geworden sind, z.B. der Freiheit, der Liebe, der Hoffnung, der Kreativität, der Religiosität.
  • Sie vermitteln nicht nur persönliche, sondern auch allgemein-menschlich wichtige Einsichten und Erfahrungen der Menschheit, an denen jeder einzelne in der Tiefe seiner Seele Anteil hat.
  • Sie sind nicht nur die Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, sondern auch zwischen der Immanenz und der Transzendenz, d. h.: Manchmal sind Träume auch „somnia a deo missa“( C.G. Jung), von Gott gesandte Träume.
  • Sie ergänzen unser bewusstes Bild der Wirklichkeit um die weite und reiche Welt der unbewussten Wirklichkeit.
  • Sie sind eine Schatzgrube für Suchende.

Aus: "Die Sprache der Träume" von Uwe Böschmeyer