Ein Traum

Es war nur ein Traum, doch es war eine Pracht!
Ich glaubte in mondscheinsilberner Nacht
auf schwellendem Rasen zu liegen.
Ein glänzendes Schloss erhob sich kühn,
und ich sah aus dem Fenster efeugrün
ein Märchenkind lauschend sich biegen.
Ein Mädchengesicht, so lieb, so traut,
wie ich es nimmer zuvor geschaut.
Gleich flüssigem Golde erglänzet ihr Haar,
und ich las in dem Augenpaar
ein wehmütig banges Erwarten.
Ein leiser Wind erquickt die Luft
und trug einen süßen, berauschenden Duft
vom Holunderbusch durch den Garten.
Dort saß an des Springbrunns Sprudelquell
geigende in müder Wandergesell.
Und als dann – und das war so schön wie ein Traum –
eine Nachtigall hoch im Lindenbaum
mit einstimmte in seine Lieder
und schluchzend sang, wie von Schmerz und Lust,
da war es, als fiele auf meine Brust
das Glück wie ein Morgentau nieder.
Die alten Linden seufzten im Wind.
Im Schloss weinte das Märchenkind.

Joachim Ringelnatz