Atem der Seele

Unser Atem ist einer der faszinierendsten Vorgänge in unserem Körper, den wir oft als viel zu selbstverständlich funktionierend hinnehmen. Allein die Wahrscheinlichkeit, dass es einen Planeten gibt, der so wie die Erde von einem Mantel aus Luft mit der richtigen Mischung aus Stickstoff und Sauerstoff, Luftfeuchtigkeit und Temperatur umgeben ist, der so perfekt auf unsere Bedürfnisse abgestimmt ist, ist statistisch gesehen gleich null. Auf keinem anderen Planeten wurden bisher ähnliche Verhältnisse entdeckt, die biologisch Leben ermöglichen.

Dass es dazu auch Wald und Pflanzen gibt, die unser ausgeatmetes Kohlendioxid verstoffwechseln und wiederum Sauerstoff daraus produzieren, ist ein weiterer wunderbarer „Zufall“, der unsere Luft erhält.

Dazu kommt dann die unglaubliche Tatsache, dass die zusammengefaltete Lunge als Organ in ihrer Komplexität im ungeborenen Kind fix und fertig angelegt ist, heranreift und auf den einzigartigen Moment der Geburt wartet. Mit dem ersten Atemzug muss sie ihre Bestimmung erfüllen und beim ersten Versuch muss es gelingen, wenn das Kind leben soll: die Lunge entfaltet sich auf einen Schlag, die Luft strömt in den Brustkorb, bis in die kleinsten Alveolen dringt sie vor und nimmt dieses Wunderwerk in Besitz, in dem durch feinste Zellwände hindurch Sauerstoff diffundiert, um alle Zellen des Körpers in Minutenschnelle mit dem lebenswichtigen Sauerstoff zu versorgen.

Ohne Nahrung kann man wochenlang leben, ohne Trinken mehrere Tage, ohne Sauerstoff nur wenige Minuten, er ist unser Lebenselixier. Untrennbar ist unser Atem mit dem Leben verbunden. Wenn der Mensch nicht mehr atmet, ist er tot. Wenn ein Mensch seinen letzten Atemzug getan hat, so ist biologisch oder biochemisch kein Unterschied in seinem Körper zu finden im Vergleich zu dem Menschen, der er vor einer Minute noch war. Und doch ist eine immense Verwandlung vor sich gegangen: das Leben ist aus diesem Menschen entwichen. Selbst für einen Laien ist der Unterschied rasch erkennbar, auch wenn jemand sehr friedlich und eingeschlafen aussieht.

Noch keine Wissenschaft und kein Labor hat je erforschen können, was dieses Geheimnis ist, uns allen so alltäglich und vertraut und doch unergründlich, unerklärbar, wie es entsteht, woher es kommt, was es wirklich ist – das Leben.

Im Frühling sehen wir es an den Pflanzen – ausgedorrte, tot erscheinende Wurzelstöcke oder Bäume treiben neues Leben aus, üppig und grün und von einer Lebenskraft, die Jahr für Jahr ungebrochen hervortritt.

In der Bibel, die hochinteressante Details über das Leben enthält, wird berichtet, dass die Erde und alle Pflanzen und Tiere darauf vom Schöpfer­ geschaffen wurden, konstruiert und mit ihrer Funktion ausgestattet, in ihre physiologisch verträgliche Umgebung gesetzt.

Aber der Mensch ist anders. Gott nimmt ihn vom Geschaffenen, der Erde, das Material ist biologisch, dann aber entsteht etwas ganz Neues: nach seinem Ebenbild gestaltet Gott den Menschen, er gibt ihm von seinem Wesen Schöpferkraft, Kreativität, Lebensfreude, Gefühle und schließlich ein Bewusstsein, zu wissen, wer er ist.

Er gibt ihm Beziehung und ein Gewissen: ohne, dass es uns jemand erklären muss und ohne dass wir es je bei einem Menschen gesehen haben (denn keiner hält sich dran) wissen wir, was gut und böse ist, was fair und unfair ist. Wir haben eine Ahnung vom Paradies im Herzen und im Verstand, die nicht zerstört werden kann. Im Innersten wissen wir, wie es sein sollte und wonach wir uns sehnen, auch wenn wir es bisher noch nicht gefunden haben.

Gott hat uns seinen Atem eingehaucht und damit wurde der Mensch eine lebendige Seele, herausgehoben aus der Schöpfung in eine besondere Verantwortung.

Noch kein Anatom hat die Seele je im Körper finden können, auch die modernste neurophysiologische Forschung hat nicht identifizieren können, was diese Lebendigkeit eigentlich ausmacht. Wir können sie zerstören, aber niemals erschaffen, auch wenn wir Millionen von Blitzen in Ursuppen einschlagen lassen in der Hoffnung, es krabbelt eines Tages ein Lebewesen daraus hervor….

Vielleicht sollten wir uns einmal Zeit zum Aufatmen nehmen – und darüber nachdenken, was das Leben für uns bedeutet. Welches Geschenk haben wir bekommen und was machen wir daraus?

Innehalten und spüren, ich bin gemeint, ich bin ein Du, ein Gegenüber und es gibt jemanden, der mir dieses Leben eingehaucht hat, der mich kennt und liebt…der vielleicht mehr für mich bereit hat, als nur beschäftigt durchs Leben zu eilen, bis mir im wahrsten Sinn des Wortes die Puste ausgeht…. ?!

 

"Weh mir, es sitzt mir in der Brust und drückt und nagt mich sehr.
Mein Leben ist mir keine Lust und keine Freude mehr.
Die Luft ist nicht mehr frei, nicht heil!
Mein Atem geht schwer ein;
ich muss um mein bescheiden Teil
mich martern und kastei'n."

So plastisch und genau beobachtend hat es
Matthias Claudius (1740 -1815) gesagt