Angst hat viele Gesichter

Angst begegnet uns in dieser Praxis  häufig – sie ist ein täglicher Begleiter mit ganz verschiedenen Gesichtern.

Da kommen Menschen, die sich krank fühlen, die spüren, etwas stimmt nicht mit mir – und wir  sollen herausfinden, was das ist. Nicht selten wurde Dr.Google schon vor uns befragt und die Internetsuche hat Ängste geschürt mit  Horrorszenarien, die durch Stichwortsuchen an die Wand gemalt werden.

Ja, Kopfschmerzen können auch durch einen Hirntumor verursacht werden. Aber die allermeisten Menschen haben andere Kopfschmerzen und vielfältige Ursachen. Viele körperliche Beschwerden gehen auf innere Anspannungen zurück, die Probleme mit der Lebensbewältigung anzeigen, Konflikte in Beziehungen, Mobbing am Arbeitsplatz, Überforderung durch Kleinkinder, zu pflegende Angehörige und vieles mehr.

Dabei spielen auch eigene Anteile eine Rolle – Perfektionismus, der große innere Antreiber, Verlustängste, die Angst, nicht geliebt oder nicht anerkannt zu werden. Die können sich in diversen Erkrankungen manifestieren: Bluthochdruck, Schwindel, Übelkeit, Durchfälle, Rückenschmerzen…

Ja, die Angst hat viele Gesichter. Und sie ist ja nicht unbegründet, diese Angst. Rundherum erleben wir, was alles passieren kann: Unfälle, Verletzungen, plötzliche  bösartige  Erkrankungen…niemand  ist sicher, es kann genauso ein kleines Kind treffen wie einen Erwachsenen. Letztendlich ist es nur eine Frage der Zeit, wann uns ein Schicksalsschlag trifft, früher oder später kommen Verluste auf uns zu, bis hin zum eigenen Sterben.

Im Alltag verdrängen wir diese Gedanken gerne, anstatt uns aktiv damit auseinanderzusetzen – denn das ist anstrengend und tut weh.

Was haben wir als Ärzte diesen Ängsten entgegenzusetzen? Wir haben in unserem Land eine höchstmoderne medizinische Versorgung, die wir uns als Gesellschaft auch finanziell leisten. Fast alles ist gratis, obwohl es eigentlich Unsummen von Geld verschlingt. Und die Angst macht auch nicht vor den Ärzten halt – auch sie haben immer mehr Angst, irgendetwas zu übersehen, etwas nicht hundertprozentig abgeklärt und ausgeschlossen zu haben, sodass dies nun schon seltsame Blüten treibt.

Beispiel PSA-Wert: lange Jahre haben wir die Männer davon überzeugt, diesen Bluttest zum Screening von Prostata-Karzinomen machen zu lassen. Inzwischen weiß man, dass wir „zu viele“ Patienten operiert haben, die ohne Operation vielleicht weniger Schaden von dem (meist) langsam wachsenden Krebs gehabt hätten als von der radikalen Operation. Bis heute haben wir keine Möglichkeit, diejenigen herauszufiltern, deren Krebs aggressive Knochenmetastasen bilden wird. Kollegen sind nun uneinig darüber, ob und bei wem man nun diesen Wert bestimmen lassen soll…

Ich habe den Eindruck, dass die Medizin mit dem Anspruch nach Sicherheit überfordert ist: Gib mir Sicherheit!  Sag mir, dass mir nichts passieren wird. Wohin gehe ich aber dann mit meiner Angst? Worauf setze ich mein Vertrauen? Was gibt mir Halt im Leben?

Hoffnung und Vertrauen sind die beiden, die die Angst vertreiben. Menschen, die beides haben, sind gesünder und leben länger als Menschen, die sich von der Angst und den negativen Gedanken beherrschen lassen.

Leichter gesagt als getan…..


Im Umgang mit der Angst gibt es drei Schlüssel:

  1. wahrnehmen
  2. ernstnehmen
  3. angemessen reagieren

1. Es ist wahr, ich habe Angst. Ich will sie nicht leugnen und nicht verstecken. Sie gehört zu unserem Leben dazu – die wirklich entscheidenden Dinge des Lebens liegen nicht in meiner Hand, sondern in Gottes Hand. Geburt und Sterben, Gesundheit und Krankheit, ….365 Mal steht in der Bibel: Fürchte dich nicht! Sei getrost! Für jeden Tag des Jahres ein Mal.

2. Ernstnehmen: wovor habe ich Angst? Alles, was unser Leben bedroht, macht uns Angst. Im schlimmsten Fall habe ich nicht nur Angst vor dem Tod, sondern vor dem Leben und vor Menschen.
Wenn ich mich damit aktiv auseinandersetze, kann ich erkennen, welche Berechtigung diese Angst in meinem Leben hat: was will sie mir sagen?

3. Angemessen reagieren. Angst löst auch körperliche Reaktionen aus, es werden Hormone ausgeschüttet, die mich entweder zur Flucht oder zum Angriff treiben. Aber diese Hormone zerfallen auch wieder, ich darf wissen, dass ich darauf warten kann. Wie kann ich diese Zeit überbrücken?

Gott weiß, dass wir oft ängstliche Wesen sind. Angst gehört zum Reich der Finsternis. Ihr Gegenmittel sind Zuversicht und Licht. Deshalb ist es hilfreich, die Angst ans Licht zu holen, sie wahrzunehmen und anzuschauen. Was ist das Schlimmste, was jetzt passieren kann? Dann verliert sie ihre zerstörerische Macht. Jesus Christus sagt uns zu, dass er stärker ist als die Angst. Gottes Geist in uns kann Angst überwinden und Frieden schenken.

Die Medizin, auch die allerbeste Medizin, kann kein Heilmittel gegen die Angst anbieten. Ich habe herausgefunden, dass es in dieser Welt keine letztgültig hilfreiche Antwort auf die Angst gibt. Psychopharmaka können manchmal hilfreich sein, Distanz schaffen und die Stimmung verbessern. Auch Atemtraining, Ausdauersport oder Entspannungsübungen können das unterstützen. Coaching und Therapiegespräche helfen zu Verhaltensänderungen und bei den oben angeführten drei Schritten.

Aber wirkliche Zuversicht muss über diese Welt hinausreichen. Wenn es nichts gibt, was über das Sterben hinaus Sinn macht, ist die Angst unbezwingbar. Hoffnung, die im Leben und im Sterben trägt, gibt es in der Wissenschaft nicht. Echte Hoffnung muss größer sein als unser Leben, muss darüber hinausweisen. Den Sinn meines Lebens kann ich nicht in mir selber finden, er muss auch außerhalb meines begrenzten Seins zu finden sein, sonst ist er kein Ankerpunkt, kein Fels, auf dem ich stehen kann.

In den Evangelien spricht Jesus einzelnen Menschen zu: Fürchte dich nicht! Dahinter steht ein Versprechen Gottes: Ich bin dein Schild, ich helfe dir, sorge für dich, stärke dich. Ich bin immer für dich da, auch wenn das Leben dunkel aussieht.

Gott zu vertrauen bedeutet, dass ich nicht mehr nur auf das Machbare und Sichtbare sehe, sondern mit Gottes Möglichkeiten rechne. Mit seiner Hilfe kann ich über Mauern springen!