Träume - Gottes vergessene Sprache

von Mag. Gabriele Brandmaier

Jeder von uns hat schon einmal geträumt. Und vielleicht wundern wir uns manchmal über die Tragödien und Komödien, die sich in der Nacht auf der großen Bühne unserer Seele abspielen. Das Träumen gehört zweifelsohne zu den rätselhaftesten Fähigkeiten des Menschen. Schon im Talmud heißt es „Ein nicht gedeuteter Traum ist wie ein nicht gelesener Brief“.

Manche Menschen sind jedoch überzeugt davon „dass Träume nur Schäume“ sind und geben ihnen keine Bedeutung. Manche können sich kaum einmal an einen Traum erinnern, manche wollen sich erinnern, schreiben ihre Träume auf und versuchen sie zu verstehen.

Egal was wir davon halten – Tatsache ist, das wir sehen können, dass die Träume in Zeiten der Stille, der Entspannung und Erholung (z.B. im Urlaub), dann wenn die Dinge im Außen, Aktivitäten und Verpflichtungen immer mehr wegfallen, stärker und deutlicher werden.

Warum werden in der Stille die Träume der Nacht immer stärker? Was will uns das sagen? Was oder wer spricht da mit uns? Sind diese Bilder der Nacht nur dazu da um das Taggeschehen im Sinne der Spannungsabfuhr zu verarbeiten, oder steckt mehr dahinter? Spricht Gott in Träumen mit uns? Sind Träume wirklich eine Sprache Gottes mit uns Menschen, die wir zu sehr vernachlässigen oder gar schon vergessen haben? Sind Träume hilfreich für das Leben, oder sind Träume nur „Schäume“?

Träume haben in der Bibel eine große Bedeutung. Joseph, dem Mann Marias, erscheint z.B im Traum ein Engel, der ihm zeigt, dass er mit seiner Frau und dem neugeborenen Jesus nach Ägypten flüchten soll, um dem Kindermord des Herodes zu entgehen. Hat Joseph da im Traum eine Stimme gehört, die gesagt hat „flieh nach Ägypten“? Nein, sicher nicht! Joseph musste genauso wie wir heute diese nächtlichen Bilder der Seele so lange befragen, belauschen und betasten, bis sie ihren Symbolgehalt frei geben.

Dr. Veronica Gradl, Ärztin, Psychoanalytikerin mit Praxis in Innsbruck meint, dass im Traum „in einer Sprache, die sich der Träumer selber zusammen erlebt hat, ein Wissen durch unser Unbewusstes spricht, das mich direkt anreden kann, das mich weiß in meinen heimlichsten Heimlichkeiten, in allen Bedürfnissen und Bedingungen, das mich genau da anreden kann wo ich jetzt gerade bin, genauso wie ich es verstehen kann, genau dann wenn es nottut, mit genau dem Wissen das mir fehlt.

Da sind wir bei der Frage nach der Traumdeutung:

Wenn wir den Worten von Veronica Gradl Glauben schenken, könnte man den Traum wirklich als „Gottes vergessene Sprache“ verstehen und es wäre außerordentlich hilfreich und wichtig für uns, die verborgene Führung Gottes in den Äußerungen des Unbewussten aufzuspüren und uns mit ihr zu verbinden. Es würde darum gehen die Wegweisungssignale aus der nächtlichen Traumrede zu vernehmen und ihr wie Joseph im Vertrauen zu folgen, ohne zu Ende zu wissen was dabei heraus kommen wird. „Vertraue dem Herrn von ganzem Herzen und nicht deinem Verstand!“ ist im Alten Testament in den Sprüchen 3,5 zu lesen.

Diese unscheinbaren, kleinen, oft nicht bedachten Änderungen der Einstellung und/oder des Verhaltens durch die Weisungen im Traum wären Korrekturmöglichkeiten von existentieller Bedeutung für unser Leben und unsere Beziehungen. Der Traum zeigt uns nämlich schon unsere inneren Tendenzen, bevor diese eine reale Spur hinterlassen haben. Damit will er eine mögliche falsche Entwicklung korrigieren. Er zeigt uns unsere Lücken und Fehler in Bezug auf die richtige Entwicklung, aber andererseits geben uns die Traumbilder auch Ermutigung. Die Korrektur des Traumes an uns ist manchmal sehr unbequem, weil sich der Traum eben nicht um unsere Absicherung und unser Rechthaben kümmert, sondern um das Lebendig bleiben des Lebens, um die Vollständigkeit der Beziehungsnetze und den Zuwachs an Frieden. Wenn in der Deutung etwas heraus kommt, was nicht diesem Raster gehorcht, haben wir etwas falsch verstanden.

Und weil der Traum nicht unseren Eigenwillen und unser bestehendes Denken bestätigt und schüren möchte, kann es auch in der Traumdeutung nicht um eine konkretistische Herangehensweise gehen. (Baum z.B. bedeutet das und Schlange bedeutet das usw.) Traumbücher mit fertigen Symbolbegriffen sind deshalb gefährlich und unbrauchbar. Sie zerstören die lebendige Rede des Traumes und das erst langsam in uns heranreifende Symbolbewusstsein.

Aber wenn wir die Kraft finden, uns von der Symbolsprache der Bilder direkt anreden zu lassen, können wir die geheimnisvolle Schrift der Träume lesen lernen. Das strenge, ethische, aber liebevolle und humorvolle Wissen, das aus der Tiefe meiner Seele zu mir spricht, kann mich erkennen, mich bei meinem Namen rufen und mir zeigen wo ich jetzt und heute stehe und wie und warum das so geworden ist aufgrund meiner Vergangenheit. Es zeigt mir meine Abwehrmechanismen und was ich tun muss, damit ich den Weg zu meiner eigenen Wesensmitte wieder finde.

Was kann ich tun um zu verstehen was der Traum mir sagen will?

Beim Verstehen eines Traumes ist grundsätzlich die Kraft der Geduld sehr wichtig. Wir müssen lernen zu warten, zu lauschen, in uns hinein zu hören, den Assoziationen folgen und der Intuition trauen.

Dann ist zuerst wichtig, den Traum so genau wie möglich, exakt, mit allen unscheinbaren Details möglichst (sinnlich) zu erinnern und aufzuschreiben. Auch scheinbar unwichtige Nebenschauplätze sind wichtig. (z.B. ein gelber Kübel, der am Rand des Bildes steht und scheinbar keine Funktion hat!)

Dann geht es darum die einzelnen Traumbilder in der Ausrichtung zu Gott hin aufmerksam

  • ins Herz zu nehmen und alle Einfälle ohne Beschönigung zusammenzusammeln
  • und zu lauschen (immer mit der Frage: Worum mag es da gehen? Und immer in dem Gedanken, dass es um das lebendige Gute in mir und in der Situation geht)
  • und zu warten, ob sich ein sogenanntes „Ahaerlebnis“ in der Entfaltung des Begreifens des Traumbildes einstellen mag.

Dieses persönliche Angesprochen sein in der Übersetzung der Bilderrede kann mir ein Wissen vermitteln, aus dem heraus ich handeln kann.

Die persönliche Rede des Traumes, die nicht von mir kommt, aber sich in mir entfaltet, ist schon Antwort auf die Fragen in meinem Leben. Durch mein probehandelndes, phantasievolles Herumprobieren in der Vorstellung, im Sinne der Weisung aus dem Traum, kann ich neue Wege des Tuns entdecken. So gebe ich in meinem Alltag tätige Rückantwort auf die Anrede des Traums.

Das ist ein lebendiger Dialog, der satt macht, den Seelenhunger stillt, die Einsamkeitnimmt und den oft dornigen Alltag zu einem spannenden Abenteuer macht.

Ein aktuelles Traumbeispiel aus meiner Praxis soll zeigen, dass der Traum nicht Nein sagen kann und dass die Bilder immer realistisch zu sehen sind.

Eine Frau träumt, dass ein kleines quietschlebendiges Ferkel in einer Aschenschublade im Ofen sitzt.

Was will dieser Traum sagen? Es ist wichtig zu wissen, dass alle Figuren die im Traum vorkommen zuerst einmal auf der Subjektebene zu verstehen sind. Also muss ich, wenn z.B. ein mir bekannter Mensch vorkommt, mir überlegen, welche Eigenschaften zu diesem Menschen gehören und alle Erinnerungsfetzen, Gedanken, Gefühle und eventuell Erlebnisse mit mir selber versammeln und fragen was das mit mir selber zu tun hat. Erst wenn mir dazu überhaupt nichts einfällt, ist wirklich der andere Mensch als Person gemeint. (Objektebene)

Das „quietschlebendige Ferkel“ im Traum der Frau hat also mit ihrer eigenen Lebendigkeit zu tun, die aber leider an einem falschen Platz sitzt. In der Aschenschublade hat ein Ferkel eigentlich nichts zu suchen. Da gehört es eigentlich nicht hin. Also kann sich die Träumerin die Frage stellen wie es passiert ist, dass ihre Lebendigkeit eingesperrt und voller Asche (Staub) ihr Dasein fristen muss und wie es ihr gelingen könnte das Ferkel daraus zu befreien.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Träume sich um das Leben kümmern, nicht um unsere Absicherung! Unsere Träume zeigen uns durch die Weisheit der leisen Stimme Gottes aus dem Unbewussten, Wege wie das durch die konkret gelebte Liebe im Alltag gelingen kann.

Mag. Gabriele Brandmaier
Psychotherapeutin, Pädagogin, Zusatzausbildung in Sonanztherapie (Atem, Musik) und Traumarbeit
Praxis für Existenzanalyse und Logotherapie
Obermieming 121
6414 Mieming
0676/7223176

Frau Mag. Brandmaier wird einen Traumworkshop in unserer Praxis anbieten. Interessierte, die daran teilnehmen möchten, können sich ab sofort bei uns anmelden.