Schmerz - lass nach

Gliederschmerzen und Rückenschmerzen aller Art sind ein sehr häufiger Grund, warum Patienten die allgemeinmedizinische Praxis aufsuchen. Schmerz ist ein Symptom mit vielfältigen Ursachen und genauso kompliziert und vielfältig gestaltet sich die Abklärung und Therapie. Dennoch gibt es eine große Gruppe von hausgemachten Problemen, die durch körperliche Inaktivität mit beeinflusst werden.

In der EU erfüllen nur 40% der Erwachsenen die gesundheitliche Mindestempfehlung zur körperlichen Aktivität. Ein Drittel ist körperlich inaktiv; 46% der 30 bis 50jährigen Berufstätigen sind durch Zivilisationskrankheiten im allgemeinen Wohlbefinden gestört, 40% sind in ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.

Wenn Menschen Schmerzen bekommen, denken sie in erster Linie, dass im Körper etwas „kaputt“ oder „krank“ sein muss. Diesen Fehler muss man nur richtig diagnostizieren und dann „reparieren“, dann wird der Schmerz verschwinden, am besten mir einer Spritze oder Tablette und mit möglichst geringem Aufwand. Die Realität sieht aber anders aus. Die Abschwächung der Rumpfmuskulatur, die Fehlhaltung oder die einseitige Belastung besteht meist schon über Jahre und der aktuelle Auslöser trägt nur mehr dazu bei, dass der Schmerz plötzlich und akut auftritt. In 90% der Fälle sind die Rückenschmerzen auf eine harmlose Ursache zurückzuführen: verspannte Muskulatur, blockierte Gelenke oder degenerative Veränderungen der Wirbelsäule…

Bewegung ist abhängig vom Zusammenspiel der Muskeln (Spieler und Gegenspieler). Ist dieses Zusammenspiel gestört, spricht man von muskulären Dysbalancen, die sich auf die Statik des Körpers als Schmerzsyndrome auswirken. Neuromuskuläre Dysbalancen können für eine Reihe von Beschwerden verantwortlich sein:

  • Spannungskopfschmerz
  • Cervicalsyndrom (Nackenschmerzen, in die Arme ausstrahlend)
  • Rückenschmerzen Brustwirbelsäule
  • Rückenschmerzen Lendenwirbelsäule
  • Impingementsyndrom (z.B.Schulter)
  • Tendopathien (Sehnen- und Sehnenansatzprobleme)
  • Arthrosen (degenerative Gelenksschäden)

Die Aktivierung bestimmter Muskeln und Muskelgruppen erfolgt nicht in der richtigen Reihenfolge, die Bewegung erfordert zuviel Kraft und in den Bewegungen des täglichen Lebens verursacht der gestörte motorische Stereotyp Haltungsschäden und Schmerzen.

Medizinische Untersuchungen erfassen in der Regel nur fortgeschrittene strukturelle Schäden:

Im Röntgenbild sieht man Verschmälerungen im Gelenksspalt durch Knorpelabnützung (z.B.Hüfte), Kalkablagerungen (z.B.Schulter), verschmälerte Bandscheibenräume durch degenerierte Bandscheiben und Ähnliches.

Computertomographie und Magnetresonanztomographie erweitern den Befund zwar um Weichteilbilder, in denen auch Bandscheiben, Bänder und Sehnen sichtbar gemacht werden, aber die festgestellten „Schäden“ korrelieren oft nicht wirklich mit den Beschwerden und der Schmerzintensität des Betroffenen. Das weist uns täglich darauf hin, dass die Ursachen und Zusammenhänge komplizierter sind als das „Baumaterial“. Dementsprechend enttäuscht sind Menschen dann von Untersuchungsergebnissen, operativen Eingriffen, Behandlung mit Schmerzmitteln und Infusionen. Passive Methoden und Lockerungsmassagen, Wärme/Fango sind zwar angenehm, zeigen aber wenig anhaltende Wirkung.

Auf lange Sicht gibt es keine Besserung ohne aktives Training und Kräftigung der Muskulatur. Zur Einleitung der Behandlung empfiehlt sich eine physiotherapeutische Intervention, die zur Schmerzlinderung und zur Lokalisierung des Problems beiträgt, danach ist das entscheidende Element das eigene aktive Training.

Beispiele für geeignete Aktivitäten sind:

Pilates bringt Kräftigung und Stärkung der Körpermitte, ausgehend von Beckenboden und schräger Bauchmuskulatur. Pilates ist nicht nur Gymnastik, sondern soll die richtigen Bewegungsabläufe ins Muskelgedächtnis überführen.

Sportarten sind dann besonders gut geeignet, wenn sie das Muskelkorsett kräftigen und alle Elemente der sportmotorischen Grundeigenschaften enthalten (Koordination, Ausdauer, Beweglichkeit, Schnelligkeit, Kraft):

  • Skilanglauf: erfüllt alle Anforderungen
  • Tanzen: erfüllt weitgehend alle Anforderungen
  • Schwimmen: Rückenschwimmen und Kraulen
  • Reiten: die Ausdauer sollte zusätzlich trainiert werden
  • Rudern: auch am Ruderergometer, bedarf einer Einschulung
  • Indoorklettern: bedarf auf jeden Fall einer Einschulung
  • Radfahren: die Koordination sollte noch zusätzlich trainiert werden
  • Inlineskaten: hat ein relatives Sturz- und Verletzungsrisiko
  • Nordic Walking: Rumpfstabilität, Ausdauer, Koordination

Training an Geräten ist nur dann sinnvoll, wenn nach den Grundlagen der medizinischen Trainingstherapie gearbeitet wird und auch eine Schulung der Koordination inkludiert ist.

Feldenkrais ist ein Lernprogramm. Bewegungsabläufe werden bewusst gemacht, und neue Bewegungsbilder werden erarbeitet.

Am besten also gar nicht warten, bis es weh tut!

Wichtig: Langsam beginnen, gesunde Bewegung ist immer mäßig regelmäßig, ohne Stress und Überlastung.

Ein Gramm Prävention ist mehr als ein Kilogramm Therapie. Cooper

Fitness umfasst nicht nur körperliche, sondern auch geistige Leistungsfähigkeit. Bewegung lässt den Menschen insgesamt ruhiger werden, man kann mit Stress besser umgehen und hat einen tieferen Schlaf. Schon die Menschen des Altertums wussten um diese Tatsachen, Hippokrates brauchte dafür keine modernen Studien.

Alle funktionellen Körperteile, wenn sie in moderater Form durch körperliche Betätigung gefordert werden, entwickeln sich gut, bleiben gesund und altern langsamer. Wenn sie aber in Untätigkeit verharren, sind sie anfälliger gegenüber Krankheiten und einem raschen Alterungsprozess unterworfen.Hippokrates (460-377 vor Chr.)