Nicht nur Drogen machen süchtig

Workaholics, Chocoholics, Magersucht, Orthorexie (= krankhafte Beschäftigung mit gesundem Essen), Spielsucht, Kaufsucht, Computersucht, Fernsehsucht..…

sind wir eine süchtige Gesellschaft geworden?

Im Gegensatz zu den stoffgebundenen Süchten wie Alkoholismus, Nikotinsucht, Drogenabhängigkeit oder Medikamentenmissbrauch gibt es zunehmend Menschen, die Auffälligkeiten und Störungen in alltäglichen Verhaltensweisen aufweisen und zum Teil heftig darunter leiden.

Richtet sich bei der Magersucht die Zerstörung vorwiegend gegen den eigenen Körper, so bringen Spielsucht oder Kaufsucht die ganze Familie in existentielle Nöte. Auch an und für sich gesunde Verhaltensweisen wie Joggen und Ausdauersportarten können so extensiv betrieben werden, dass die Familie darunter leidet und bei erzwungener Sportpause z.B.wegen Verletzungen Entzugserscheinungen auftreten.

Woran kann ich nun erkennen, ob meine Gewohnheiten noch als leidenschaftliche Hobbies oder kleine Marotten durchgehen, oder ob ich schon in der Gefahr bin, suchtkrank zu werden?

Folgende Kennzeichen sollten die Alarmglocken läuten lassen:

  1. Meine Leidenschaft (z.B.die Arbeit, meine Diät, das Glücksspiel, das Einkaufen…..) nimmt mich gedanklich immer mehr in Beschlag. Ich bin sehr oft beschäftigt mit Gedanken zum Thema, Nacherleben vergangener Erfahrungen, Planen der nächsten Unternehmungen, meine Gedanken kreisen besonders in der Freizeit ständig um die „Droge“.
  2. Ich brauche eine immer höhere Dosis, um dieselbe Spannung und Befriedigung zu erlangen: höhere Einsätze beim Spiel, längeres Lauftraining, weniger Kalorien im Essen, häufigere Einkaufsbummel oder Kataloge, längere Arbeitszeiten….
  3. Ich habe schon mehrmals erfolglos versucht, mein Verhalten zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben.
  4. Ich fühle mich unruhig, ängstlich oder gereizt, wenn ich versuche, mein Verhalten aufzugeben.
  5. Ich benutze mein Verhalten, um mich von Problemen abzulenken und meine Stimmung zu verbessern. (Freudlosigkeit, Schlaflosigkeit, Angst)
  6. Ich habe schon gelogen, um vor anderen das Ausmaß meines Verhaltens zu verbergen. Mein/e Partner/in hat mich auf mein Verhalten schon angesprochen.
  7. Ich habe illegale Handlungen begangen, um meine Sucht zu finanzieren (Geld unterschlagen, Diebstahl)
  8. Ich habe eine wichtige Beziehung oder meinen Arbeitsplatz verloren wegen meines Verhaltens.

Dazu muss man wissen, dass in den ersten Stadien der Erkrankung das eigene Problem weitgehend verleugnet wird. Das kann bei Magersüchtigen soweit gehen, dass auch lebensgefährliches Untergewicht nicht wahrgenommen wird und keine Hilfe angenommen wird. Erst wenn durch die fortschreitende Sucht der Leidensdruck immer größer wird und zunehmend Probleme mit der Umgebung oder mit der Gesundheit auftreten, beginnt eine gewisse Krankheitseinsicht. Der Preis für die Abhängigkeit wird immer höher, Kontrollverlust tritt ein und die „Droge“ bringt nicht mehr Freude, sondern ermöglicht gerade noch, den neutralen Nullpunkt im Befinden zu erreichen. Der Weg bis zu dem Punkt, wo jemand bereit ist, Hilfe anzunehmen und echte Veränderungen vorzunehmen, ist jedoch ein weiter.

Ohne Unterstützung ist es fast unmöglich, Suchtverhalten zu stoppen und Abstinenz zu erreichen. Deshalb ist es sehr wichtig, mit einer Vertrauensperson über das Problemverhalten zu sprechen. Es gibt einige hilfreiche Anlaufstellen für Suchverhalten auch in der Nähe und wenn Sie das Gefühl haben, betroffen zu sein, sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder einer psychologisch ausgebildeten Person darüber. Nur so kommt man aus dem Teufelskreis der Sucht heraus. Auch Selbsthilfegruppen mit Personen, die dasselbe Problem haben, sind sehr hilfreich. Wenn nichts unternommen wird, kommt es normalerweise zur Verschlimmerung der Symptome.

Warum werden Menschen süchtig?

Sucht kommt von „Suchen“ und auch im Wort „Sehnsucht“ steckt Sucht drin. Wir Menschen suchen Erfüllung im Leben, den tiefen Sinn in unserem Dasein. „Drogen“ scheinen zunächst diese Sehnsucht zu stillen, aber es ist eine trügerische Erfüllung, die zuletzt immer noch mehr Leere hinterlässt als zuvor.

Bei den stoffungebundenen Süchten ist der Schaden an der Gesundheit nicht so rasch erkennbar, aber sie sind nicht weniger zerstörerisch, weil sie das Leben aus der Wirklichkeit in eine Scheinwelt verlegen. Und diese kann unsere Sehnsucht nach Angenommensein, echter Freude und Liebe niemals stillen. Das Leben verarmt und wird immer mehr auf die Beschäftigung mit der Sucht eingeengt. Freundschaften, Familie, Hobbies gehen verloren.

So wie eine junge Frau sagte, nachdem sie von ihrer Essbrechsucht geheilt war: Die Bulimie hat mir 2 Jahre meiner Jugend geraubt, da habe ich das ganze Leben verpasst. Das erkenne ich erst jetzt, wo ich draußen bin.

Deshalb: nicht wegschauen, wenn mir solches Verhalten auffällt! Es ist nie falsch, jemand darauf anzusprechen, auch wenn es zunächst nicht angenommen wird. Bei Kindern sollten die Eltern achtsam sein, wenn Spielen mit Freunden von Fernsehen, Computerspielen oder Internet verdrängt wird. Begrenzen Sie solche Spiele zeitlich und nehmen Sie professionelle Hilfe rechtzeitig in Anspruch.

Dr. Renate Plattner-Senft, Sprechstunde für stoffungebundene Süchte am Freitag nachmittag nach Terminvereinbarung; angeleitete Selbsthilfegruppe für Frauen mit Essstörungen