Schulangst - Schulphobie

Mag.Dr.Ernestine Trefalt
Klinische Psychologin & Gesundheitspsychologin
Innsbruck

Prof.Dr.Johann Kinzl
Klin.Abt.f. Psychosomatische Medizin
Univ.Klinik für Psychiatrie

Der Spruch „In die Schule geh ich gern, weil ich dort was Rechtes lern“ stimmt glücklicherweise für die meisten Buben und Mädchen, andererseits kann die Schule auch eine besondere Quelle von Kindheitsängsten sein. Dazu gehören vor allem: Angst vor schlechten Noten, Versagen und Sitzenbleiben, Angst, etwas nicht zu können, Angst, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, Angst, sich vor Lehrern und Mitschülern bloß zu stellen, Angst vor Strafen und Ungerechtigkeiten, Angst vor bestimmten Konflikten, Angst vor der Schule als Institution, aber auch Angst sich von zu Hause zu trennen.

Das Lebensfeld Schule ist für das Kind mit Anforderungen und Belastungen verbunden, zu deren Lösung es vor allem emotionale und soziale Unterstützung durch die Eltern braucht. Die Wirkung von Schulstress wird auch durch das Verhalten der Eltern, speziell ihre Art, mit diesem Stress umzugehen, vermittelt. Es gibt Hinweise darauf, dass nicht das Problem des Kindes selbst entscheidend für dessen weiteren Einfluss auf die psychosoziale Entwicklung ist, sondern die Art des familiären Umgangs mit diesem Problem.

Die Angst, in die Schule zu gehen bzw. das Fernbleiben von der Schule, kann in verschiedenen Formen auftreten:

Schulschwänzen: ist ein dissoziales Symptom, normalerweise ohne Verknüpfung mit Angst. Diese Kinder bleiben nicht zu Hause, die Eltern wissen nichts vom Schulschwänzen des Kindes. Diese Kinder sind häufig aggressiv, zeigen auch andere Verhaltensstörungen wie Stehlen, Lügen, sie haben disziplinäre Probleme und zeigen eine geringe Lern- und Leistungsmotivation. Es besteht zu Hause meist eine Vernachlässigung durch die Eltern.

Schulangst: ist eine nachvollziehbare Angst vor realen Belastungen und Bedrohungen auf dem Schulweg, während des Schultages oder im Unterricht. Kinder mit Schulangst fürchten die Schulsituation oft wegen tatsächlich vorliegender Schwächen oder Behinderungen, etwa wegen der allgemeinen Begabungsminderung, einer Teilleistungsschwäche, einer Sprachstörung oder eines körperlichen Gebrechens. Auch aus anderen Gründen, wie z.B. andere Hautfarbe, kann ein Kind in eine Außenseiterrolle gelangen und das Opfer von Hänseleien, Gespött usw. werden.

Schulphobie: Diese ist eine Schulabwesenheit aufgrund von Trennungsangst von der primären Bezugsperson. Die übermächtige Angst des Kindes vor dem Verlust der familiären Sicherheit und Stabilität, insbesondere vor dem Verlust der Mutter, wird vom Kind auf die Schule projiziert, d.h. das Kind erlebt die Schule als bedrohlich und ängstigend. Die Schulphobie ist typischerweise mit einem Vermeidungsverhalten verbunden, d.h. das Kind weigert sich, in die Schule zu gehen. Die Angst kann sich dabei auf die Schule insgesamt beziehen oder auf einzelne Aspekte, etwa auf einzelne Kinder oder Lehrer. Das Verweigerungsverhalten kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein, von leichten Schwierigkeiten (das Kind geht in die Schule, wenn es begleitet wird) bis zur vollständigen lang dauernden Schulverweigerung. Das Kind sagt den Eltern, dass es zu Hause bleiben möchte. Die Kinder sind nicht in der Lage, das Kind zum Schulbesuch zu bewegen.

Bei Vorliegen einer Schulverweigerung soll von den Eltern der betroffenen Kinder relativ rasch, aber einfühlsam versucht werden, gemeinsam mit dem Kind das zugrundeliegende Problem zu erfassen. Die Eltern sollten sich nicht scheuen, sich eher rasch um professionelle Hilfe zu bemühen, sollte es nicht gelingen, das Problem alleine zu lösen.

Bei Vorliegen einer Schulangst sollen die zugrundeliegenden Probleme angegangen und wenn möglich beseitigt werden (z.B. Wechsel der Schule oder des Schultyps bei intellektueller Überforderung oder Besuch von speziellen Förderkursen; Versuch einer Mediation bei Vorliegen von Interaktionsproblemen mit Mitschülern oder Lehrern).

Es gibt eine Vielzahl von Behandlungsformen der Schulphobie, wobei sich folgende Grundprinzipien der ambulanten Behandlung bewährt haben (nach Mattejat):

  • Es sollte versucht werden, das Kind möglichst schnell wieder in die Schule einzugliedern. je länger die Schulverweigerung dauert, umso pathologischere sekundäre Mechanismen (etwa soziale Isolation, Schuldgefühle, Leistungsrückstand) kommen in Gang, welche wiederum schwer zu durchbrechen sind.
  • Die Eltern und das Kind sollen erkennen, dass das Kind gesund ist und die Schule besuchen kann.
  • Es sollten rasch die Stärken des Kindes herausgearbeitet werden, um dem Kind deutlich zu machen, dass es in der Lage ist, die Schule zu besuchen.
  • Die Eltern sind darin zu unterstützen, eine klare und feste Entscheidung für den Schulbesuch des Kindes zu treffen, den Schulbesuch in deutlicher Weise zu fordern und diese Forderung auch konsequent durchzusetzen.
  • Eine enge Absprache mit anderen involvierten Stellen (Lehrer/in, Schularzt) ist sinnvoll, um vermeidbare Pannen (etwa, dass das Kind von der Schule aus wieder nach Hause geschickt wird) zu vermeiden.

Die Prognose der Schulphobie ist von mehreren Kriterien abhängig:

  • vom Alter des Kindes und der Dauer der Störung; je jünger das Kind ist und je kürzer die Störung dauert, umso besser ist die Prognose.
  • vom Schweregrad der Störung: bei leichteren Formen ist eine ambulante Behandlung möglich, bei schweren Formen ist meist eine stationäre Therapie erforderlich.
  • von der Kooperationsbereitschaft der Eltern.