ZUCKER fürs Gehirn

Das egoistische Gehirn
von Dr. Achim Peters (Ullstein Verlag)

Das Konzept des Lübecker Diabetologen und Endokrinologen, international als „selfish brain“ bekannt, kann erklären, warum unser Kopf Diäten sabotiert und gegen den eigenen Körper kämpft. Jetzt, wo allerorts die Fastenzeit und der Bikinistress besonders unter dem weiblichen Geschlecht ausbricht, fragt sich frau doch oft: Warum ist das mit dem Abnehmen denn soooo schwer?

Wie so oft geht es um die Energieversorgung. Der wichtigste Treibstoff für den Kopf ist nämlich Zucker (Glucose). Obwohl das Hirn nur 2 Prozent unseres Körpergewichts stellt, beansprucht es die Hälfte unseres täglichen Glucosebedarfs. In belastenden Stresssituationen fordert es sogar 90 Prozent. Stress setzt im Gehirn einen Antreiber(Zuckerpeitsche) in Gang, der es zu höchster Konzentration anspornt – das ist grundsätzlich ein Überlebensfaktor in Gefahrensituationen.
Sobald die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet werden, wird die Energie Richtung Kopf umgeleitet, auch auf Kosten der anderen Organsysteme. Da bei unserem Lebensstil die Stressaktivierung jedoch viel zu häufig erfolgt und die bereitgestellte Energie dann wegen Bewegungsarmut (Ruhigsitzen bei Prüfungsstress, Fernsehkrimi, Computerarbeit …..) nicht verbraucht wird, gerät das System aus dem Gleichgewicht.

Gestresste Menschen reagieren auf zwei Arten:
Typ A läuft unter Stress hochtourig und wirkt zielstrebig. Das Gehirn wird reichlich mit Zucker versorgt, der Mensch isst eher zu wenig, der Rest des Körpers nimmt ab.
Typ B wirkt äußerlich ruhiger, die körpereigenen Beruhigungsstoffe dämpfen die dauernden Stresssignale, die Zuckerpeitsche wirkt nicht mehr so gut und das Gehirn fühlt sich unterversorgt. Dadurch zwingt es den Menschen, mehr zu essen. Damit steigt der Blutzuckerspiegel an, das Gehirn ist zufrieden, aber auch die Fettzellen profitieren davon und das Körpergewicht steigt an.
Wenn man Peters fragt, ob da nicht der quirlige dünne Typ A das bessere Los gezogen hat, sagt er: „Nein, denn wenn diese Menschen zu versagen drohen, fallen sie leichter in eine Depression.

Die Kurzformel des Forschers:
Wer stark belastet ist, wird entweder dick oder depressiv.
Seine Theorie vom egoistischen Gehirn integriert Hirn-, Stress- und Verhaltensforschung und hat weitreichende Konsequenzen. Wenn Übergewicht vom „Gehirn in der Energiekrise“ ausgelöst durch psychosozialen Stress verursacht wird, dann muss jede Therapie an diesen Faktoren ansetzen.
Beginnt jemand eine Diät, aktiviert das Gehirn das Stresssystem, um die körpereigenen Ressourcen freizusetzen. Reicht das nicht, steigt Unlust, Reizbarkeit und schlechte Stimmung. Hungerattacken folgen und die Diät lässt sich nicht durchhalten. Auch Operationen helfen da nicht: Kalorienreduktion kann einen schlechten Einfluss auf die psychische Verfassung haben.

Daher empfiehlt Peters allen Übergewichtigen, ihre Gefühle ins Zentrum der Behandlungsstrategie zu stellen. Gelingt es, das Stresssystem zu beruhigen, normalisiert sich auch das Körpergewicht als „Nebeneffekt“. Vor allem ungelöste lang schwelende Konflikte, etwa zu hohe schulische Anforderungen, berufliche Belastungen oder Spannungen in Familie und Kollegenkreis aber auch Einsamkeit zählen zu den belastenden Faktoren.